Mord im Kögelweiher

BUCHREZENSION. Heute rezensiere ich für euch den Allgäu-Krimi »Kratzat« von Ina May, der im Emons-Verlag erschienen ist. Den 283 Seiten starken Krimi könnt ihr unter der ISBN-Nummer 978-3-95451-826-5 für 12,90 Euro bestellen.

 

| Inhaltsangabe
Evelyn Eberius ist Erste Bürgermeisterin des Allgäuer Städtchens Nesselwang. Sie leidet seit einem lang zurück liegenden Unfall an Gedächtnislücken. Damals wurde eine ihrer Freundinnen ermordet am Kögelweiher aufgefunden. Das ist zwar bereits 30 bis 35 Jahre her, aber noch nicht vergessen. Und plötzlich taucht ein junger Mann auf, der diesem Verbrechen auf die Spur kommen möchte – aus sehr persönlichen Gründen. Alte Wunden werden aufgerissen. Erinnerungen kehren zurück…

 

| Kaufgrund
Ich habe das Buch als kostenloses Rezensionsexpemplar zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber in meinem Podcast unter www.die-hoermupfel.de sprechen und hier darüber schreiben zu können. Mein Interesse wurde geweckt, weil es sich bei diesem Buch um einen so genannten Allgäu-Krimi handelt und die Story demnach in meiner Heimat spielt. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass die Autorin in Kempten im Allgäu geboren wurde und die ersten sechs Lebensjahre in Nesselwang aufwuchs. Perfekte Voraussetzungen also, um dieses Buch als „echten Allgäu-Krimi“ zu vermarkten.

 

| Meine Meinung
Ich bin voller Erwartung an das Buch heran gegangen. Die Gestaltung des Buchumschlags, das wertige Material und die Buch-Vorstellung, die ich in der Zeitung gelesen hatte, sprachen mich sofort an. Ich fing noch am gleichen Abend, an dem ich das Buch bekam, mit dem Lesen an.
Leider wurde ich relativ schnell ausgebremst. Ich fand den Schreibstil sehr anstrengend und mühte mich schon ab den ersten drei/vier Seiten durch die extrem verschachtelten Sätze. Manche Abschnitte musste ich mehrmals lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Da ich glaubte, vielleicht zu müde zu sein, legte ich das Buch an diesem Abend wieder beiseite und versuchte es an einem anderen Tag erneut. Doch das Ergebnis blieb das gleiche.

Bei manchen Sätzen konnte ich nicht einmal den Sinn verstehen und fragte mich, ob dieses Buch überhaupt von einem Lektor korrigiert worden war. Um euch mein Problem mit dem Schreibstil deutlich zu machen, möchte ich aus einem kleinen Abschnitt (Seite 15) zitieren, den ich einige Male durchlesen musste, bis ich ihn verstand: „Allerdings hatte es in der Gegend auch einige Tragödien gegeben, hinter den Türen hatte sich so manches Drama abgespielt. Der geheimnisvolle Kögelweiher hatte dabei oftmals eine Rolle gespielt, und Evelyn glaubte nicht, dass die Anwohner Renate Täubl vergessen hatten. Genauso wenig wie die anderen Opfer des Sees – die durch Schlingpflanzen als Täter umgekommen waren.“
Hatten die anderen Opfer des Sees Renate Täubl vergessen? Sind die anderen Anwohner auch Opfer des Sees geworden? Sind die Schlingpflanzen Täter oder sind die Schlingpflanzen selbst umgekommen?

Ich wurde bei dieser Formulierung völlig aus dem Lesefluss gerissen und brauchte eine Weile, bis ich den Satz so umformuliert hatte, dass ich ihn verstand. Die Anwohner hatten weder Renate Täubl vergessen, noch die anderen Opfer des Sees, die durch Schlingpflanzen umgekommen waren. Punkt.

An anderer Stelle musste mein Gehirn ebenfalls Salto schlagen, weil es in erst in die falsche Richtung gelenkt wurde. Zitat Seite 4: „Sie lebte schon seit zwanzig Jahren im Seniorenheim, aber so kam es ihr nicht vor. Eher länger.“
Sie lebte also schon seit 20 Jahren im Seniorenheim, aber es kam ihr nicht so vor. Also kam es ihr kürzer vor? Logisch! Oder doch nicht?! Denn es kam ihr ja „eher länger“ vor. Sehr seltsam.
Hier mussten sich meine Gehirnzellen ziemlich verbiegen, um diesen Widerspruch zu verstehen.

Kommen wir zum Inhalt, in den ich mich auch erst reinarbeiten musste. Vor 35 Jahren wurde eine Frau umgebracht. Der Mörder konnte gefasst und verurteilt werden. Allerdings brachte er sich während seiner Haftstrafe um. Für die Bewohner Nesselwangs stand fest: er kam mit seiner Schuld nicht klar. Bis ich an diesen Punkt angekommen war, musste ich einigen Ungereimtheiten auf die Spuren kommen. An sich wäre das kein Problem gewesen, wenn die Informationen in klaren Linien gekommen wären. Es wurden aber immer wieder nur Andeutungen gemacht und von einer Ungereimtheit zur nächsten gesprungen. In welchem Verhältnis stand die Frau zu ihrem Mörder? Wer aus dem Ort kannte die Frau überhaupt? In welchem Verhältnis stand die Erste Bürgermeisterin zum Mörder? Und zum Opfer? Welche Personen waren damals überhaupt anwesend? Aufgrund welcher Beweise wurde der Mörder eigentlich verurteilt?
Ich hatte das Gefühl, ich würde mich auf einem See voller Eisschollen befinden und müsste nun von einer zur nächsten hüpfen, um dort meine Informationen einzusammeln. Ich wäre aber lieber einen Weg entlang gegangen, um links und rechts Bilder zu betrachten, die mir nach und nach alle Informationen lieferten.

Das war übrigens auch eine Sache, die mir nicht so gut gefiel. Es wurde kein Kopfkino in Gang gesetzt! Ich konnte mir unter den beschriebenen Personen nur wenig vorstellen. Wie sahen die Personen aus? Wie musste/konnte man sie sich vorstellen. Wer hatten welche Charakterzüge? Wer konnte mir sympathisch sein und wer nicht? Gab es jemanden, der mir seltsam vorkam und den ich deshalb in Verdacht haben konnte? Nein, leider blieb mir das alles verborgen. Ich erfuhr eigentlich nur, dass die meisten Personen über 50 Jahre alt sein mussten, weil der Mord vor über 30 Jahren passiert war und die jungen Leute damals schon die Schule hinter sich gelassen und ihre Ausbildung begonnen hatten. Es gab ein paar Liebschaften unter den einzelnen Protagonisten – „wer mit wem wurde“ nach und nach erklärt. Das war’s aber auch schon. Ansonsten blieben die Personen für mich bis fast zu Schluss sehr „fad“.

Natürlich möchte ich auch etwas Positives von diesem Allgäu-Krimi schreiben. Wie meine Hörer/innen und Leser/innen wissen, mag ich die Allgäu-Krimis von Kobr/Klüpfel nicht, weil die Allgäuer darin in einem eher dummen und schlechten Licht dargestellt werden. Das ist in „Kratzat“ glücklicherweise nicht der Fall. Die dargestellten Personen sind alle ganz normal. Keiner hat irgendwelche seltsamen Verschrobenheiten oder läuft leberkäsessend und lodentragend durchs Allgäu. Wir Allgäuer werden also so dargestellt, wie wir sind: als ganz normale Menschen. Trotzdem wird durch ein kleiner, raffinierter Trick eine besondere Beziehung zu uns und unsere Heimat hergestellt. Vor jedem Kapitel wird nämlich ein kurzes, Allgäuer Sprichwort abgedruckt, das einen gewissen Einblick in unsere Denkweise liefert. Als Beispiel möchte ich folgenden Spruch von Seite 161 zitieren: „Nummähae isch koi Sünd, abr ‘s Rumreachae“, was soviel heißt wie: „Sprich es ruhig aus, aber hack nicht auch noch darauf rum.“ Der Leser muss übrigens keine Angst haben, dass er einen dieser Sätze mal nicht versteht. Sie werden alle ins Hochdeutsche (meist sinngemäß) übersetzt.
Hier habe ich immer wieder in mich hinein schmunzeln müssen und fand einige dieser Sprüche mehr als passend! Bei manchen musste ich allerdings gleich mehrmals drüber lesen, weil der Dialekt – in geschriebener Form – auch mich zum Grübeln brachte 😉

 

| Fazit
Ein netter Allgäu-Krimi, der mich aber weder inpunkto „Spannung“ noch aufgrund besonders herausgearbeiteter Charaktere abgeholt hat. Auch die Geschichte selbst konnte mich nicht überzeugen. Der Schreibstil hätte an vielen Stellen vom Lektor korrigiert werden müssen, um eine flüssigere Lesbarkeit zu gewährleisten. Schön fand ich, dass wir Allgäuer nicht als „Deppen“ dargestellt wurden und dass ein sehr anschaulicher Blick auf meine Heimat geworfen wurde. Wer noch eine nette Unterhaltungslektüre für den Sommerurlaub sucht, wird hier fündig werden.

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